Die Kirchenleitenden zur Reise

Bild: Bischof Dr. Gerhard Feige, Landesbischöfin Ilse Junkermann, Kirchenpräsident Joachim Liebig

Ökumene ist unser gemeinsames Anliegen. Die Initiative der Jugendverantwortlichen unserer Kirchen ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach einer jungen, ökumenischen und lebendigen Gemeinschaft.

In der Charta Oecumenica, den „Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit in den Kirchen in Europa“, haben die Kirchen Europas sich zum Dialog und zur Zusammenarbeit auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens verpflichtet.

Wir freuen uns, dass diese Ziele im Rahmen dieses Projekts sichtbar werden, bei dem sich Teilnehmende verschiedener Konfessionen gegenseitig kennenlernen, ins Gespräch kommen und Erlebnisse teilen. So luden wir alle zur ökumenischen Romfahrt „Mit Luther zum Papst“ ein, die sich auf die Suche nach dem gemeinsamen Zeugnis als Christen in der Welt begeben wollen.


Fragen an die Kirchenleitenden

Landesbischöfin Ilse Junkermann (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland), Bischof Dr. Gerhard Feige (Bistum Magdeburg) und Kirchenpräsident Joachim Liebig (Evangelische Landeskirche Anhalts) beantworten Fragen rund um die ökumenische Romfahrt.

Sind Sie schon einmal gepilgert? Möchten Sie uns verraten wohin und mit wem Sie unterwegs waren?

Junkermann: Nein, ich war noch nie pilgern. Mit einer Ausnahme, siehe Antwort zu Frage Nr. 3.
Feige: So richtig zu Fuß oder per Fahrrad über eine längere Zeit zu einem bedeutenden Wallfahrtsort noch nicht. Aber als ich mit anderen Christen 1992 zum ersten Mal im Heiligen Land weilen durfte, war das für mich eine wirkliche Pilgerreise. Übrigens fahre ich in einigen Tagen wieder einmal dorthin, diesmal mit Vertretern des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz. Gedacht ist dies als eine bewusst geistliche und ökumenische Vorbereitung auf das Reformationsgedenken.
Liebig: Ein kurzes Stück des Lutherweges mit einer Übernachtung in Begleitung meines Bruders. Dabei lösten sich Strecken des gemeinsamen Schweigens mit intensiven Gesprächen ab – eben typisch für Pilgerwege.

Gibt es einen Ort in Rom, den Sie besonders mögen?

Junkermann: Die Katakomben. Sie erinnern an die Generation der ersten Christen in Rom.
Feige: Da ich aus Studiengründen einmal fast ein ganzes Jahr in Rom war, kann ich mich unmöglich auf einen einzigen Ort beschränken. Es gibt so vieles, was auf seine Art eindrucksvoll ist und fasziniert.
Liebig: Die antiken Stätten, die auch die Vergänglichkeit allen Ruhmes vor Augen stellen.

Welches ökumenische Erlebnis hat Sie besonders bewegt?

Junkermann: Als wir im November 2015 in Wittenberg als ACK Sachsen-Anhalt den „Pilgerweg der Versöhnung" von der Schlosskirche (evang.) zur Kirche der Unbefleckten Empfängnis (röm.-kath.) und danach zur Stadtkirche St. Marien (evang.) gegangen sind und an jeder Station unsere Schuld benannt haben über wechselseitige Verunglimpfungen in Worten, Bildern und Taten. Es hat mich tief berührt, als wir zum Schluss die Scherben dieser Verunglimpfungen unter dem Kreuz abgelegt haben und uns die Hände zum Friedensgruß reichen konnten.
Feige: Unvergesslich ist mir immer noch der allererste ökumenische Gottesdienst seit der Reformation in meiner Heimatstadt Halle an der Saale. Es war vor ca. 50 Jahren, als dabei schon Vertreter aller anwesenden Konfessionen die anderen um Vergebung für das von ihren Gemeinschaften in der Vergangenheit begangene Unrecht gebeten haben.
Liebig: Der Pilgerweg der ACK Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr, bei dem unterschiedliche Bekenntnisse völlig selbstverständlich miteinander unterwegs waren, ohne die je eigenen Besonderheiten zu leugnen.

Was möchten Sie uns für diese ökumenische Romfahrt besonders ans Herz legen?

Junkermann: Die Charta Ökumenica: Viel zu wenige Christen kennen sie und sie wird viel zu wenig auch ernst genommen, nämlich, dass wir das viele, das wir gemeinsam tun können auch wirklich gemeinsam tun. Wir sind zu sehr fixiert auf das, was (noch) nicht möglich ist. Vielleicht kann dies aber erst wachsen, wenn wir gemeinsam mehr das tun, was schon gemeinsam möglich ist. Ein gutes Beispiel ist diese Pilgerreise!
Feige: Sich weniger an Äußerlichkeiten festzumachen, als vielmehr über Wesentliches nachzudenken.
Liebig: Die bleibenden theologischen Deutungsunterschiede sind geringer als das Verbindende, darum muß jetzt das Verbindende betont werden. Vermutlich gehört aber auch dazu, sich zunächst über das eigene Bekenntnis Vergewisserung zu verschaffen. Bekenntnisse grundsätzlich für überflüssig zu halten, ist nicht weiterführend.

Welcher Katholik bzw. welcher Protestant aus der Gegenwart oder der Vergangenheit hat Sie besonders beeindruckt?

Junkermann: Papst Johannes der XXIII. – er hatte so viel Mut und innere Freiheit, große Veränderungen in der römisch-katholischen Kirche anzustoßen. Ohne das II. Vatikanische Konzil wäre unsere heutige große ökumenische Gemeinschaft nicht möglich geworden. Und Papst Franziskus beeindruckt mich. Auch er hat viel Mut und innere Freiheit, die Grundprobleme unserer Welt und Zeit direkt und ohne große Verklausulierungen im Licht des Evangeliums anzusprechen und sich auch unkonventionell zu verhalten.
Feige: Da könnte ich eine ganze Zahl nennen, möchte aber hier an Propst Siegfried Kasparick aus Wittenberg erinnern, dem Reformationsbeauftragten der EKM, der vor kurzem ziemlich plötzlich im Alter von 61 Jahren verstorben ist. Wahrhaft evangelisch und ökumenisch zugleich, hat er äußerst vertrauensvoll mit dazu beigetragen, konfessionalistische Vorbehalte abzubauen.
Liebig: Kardinal von Galen / Münster und mein früherer Amtsbruder Alfons Runte in der Nachbargemeinde, mit dem die Zusammenarbeit vollständig unkompliziert war und dennoch die jeweilige Eigenständigkeit gewahrt blieb.

Was halten Sie für die derzeit größte ökumenische Herausforderung?

Junkermann: Dass wir Freude an dem haben, was wir gemeinsam tun und wirken können und diese ökumenische Gemeinschaft nicht erlahmen lassen. Also: dass wir dran bleiben und Ökumene leben!
Feige: Sich nicht mit dem bisher erreichten Stand zufrieden zu geben, zu resignieren oder dem „Gift angeblich einfacher Lösungen" zu erliegen, sondern mit Herz und Verstand einer „heiligen Ungeduld" und einem langen Atem sich weiterhin für die sichtbare Einheit der Kirche einzusetzen.
Liebig: In profanisierter Umgebung identitätswahrend Gemeinschaft zu bewahren und auszubauen.

Wie lautet Ihre Lieblingsbibelstelle?

Junkermann: Psalm 103,2: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat."
Feige: „Wachet und betet." Das ist mein bischöflicher Wahlspruch nach Mt 26,41.
Liebig: Römerbrief 1,16: „Ich schäme des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben."

Kennen Sie einen guten ökumenischen Witz?

Junkermann: Nein, leider nicht ...
Feige: Vor dem 2. Vatikanischen Konzil, als für Katholiken ökumenische Beziehungen fast noch unvorstellbar waren, hieß es in einem Witz, jemand hätte bei der Beichte als Sünde bekannt: „Ich habe evangelisches Glockengeläut mehrmals mit Wohlgefallen angehört."
Liebig: Rabbi, Priester, Pfarrer diskutieren über den Beginn des Lebens – Priester: bei der Zeugung: Pfarrer: während der Schwangerschaft; Rabbi: wenn der Hund tot und die Kinder aus dem Haus sind.

Welches Buch, außer der Bibel, sollte ein Christ lesen?

Junkermann: Ich finde, die Bibel mit ihren vielen Büchern ist nie ausgelesen! Sehr wichtig bis heute halte ich Martin Luthers Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen von 1520.
Feige: Nicht nur Bücher! Entscheidend ist vor allem, möglichst viele „Zeichen der Zeit" – Freude und Leid, Angst und Hoffnung der Menschen wahrzunehmen, sie im Lichte des Evangeliums zu deuten und im christlichen Geist darauf einzugehen.
Liebig: Luther; Von der Freiheit eines Christenmenschen – zeitlos wird der Kern des Evangliums und seine Bedeutung für Menschen aller Zeit beschrieben.

Was schätzen Sie besonders an der anderen Konfession?

Junkermann: Die Liebe zum Gottesdienst, auch zur Liturgie.
Feige: Die Ernsthaftigkeit, mit der sich viele evangelische Christen an der Heiligen Schrift orientieren, aber auch die Freude am Glauben, die sich in unzähligen Liedern und anderen Kompositionen zeigt.
Liebig: Strukturierte Gottesdienste in aufgeräumten Kirchen; Sakristeien, die nicht zu Rumpelkammern geworden sind.